Die Wischi-Waschi-Sprache des Stillstands

wischiwaschisprache

„Wir sollten eigentlich versuchen, dass wir uns wieder mal treffen.“ Wer kennt sie nicht, solche Aussprüche, die wir im Alltag und Berufsleben immer wieder hören.

Sprache funktioniert zum Großteil unbewusst, und wir verwenden Wörter die wir immer wieder hören und lesen. Es ist nichts anderes als eine Gewohnheit. Sprache ist aber auch das Ergebnis unseres Denkens. Und das gilt natürlich auch umgekehrt. Das was wir reden, kreiert unsere Denkmuster und inneren Bilder. Wörter lösen Gefühle und Handlungen aus. Gerade in Veränderungsprozessen ist es wichtig, andere Denkvorgänge zuzulassen und die richtigen Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Dabei gibt es eine Handvoll Wörter, welche wir im Alltag immer wieder gerne verwenden, die jedoch richtige „Change-Killer“ sind:

 

#1 eigentlich

Wenn Du das Wort eigentlich verwendest, schwächst Du Dich deutlich in Deiner Wirksamkeit. Es ist ein Platzhalter für Ausreden und es lässt Dir ein Hintertürchen offen, damit Du aus der Sache einfach rauskommst. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele und sogar rhetorisch hoch gebildete Menschen diesem Ausdruck verfallen sind. Es lässt Dich nach außen hin unverbindlich scheinen und weniger glaubwürdig. Wer es nicht glaubt, kann ja bei nächster Gelegenheit zu seiner Partnerin bzw. Partner sagen „Schatz, eigentlich liebe ich dich!“. Und dann freue Dich auf die Reaktion.

 

#2 müssen

Die Erfahrungen und Erlebnisse in unserer Kindheit prägen den Verlauf unseres restlichen Lebens ganz entscheidet. Sämtliche Eindrücke bleiben ein Leben lang tief in unserem Unterbewusstsein gespeichert. Wir können uns zwar an die meisten Dinge nicht mehr erinnern, doch sie sind in unserem Gehirn gespeichert. Und so einfach lassen sich solche Aufzeichnungen nicht löschen. Als Kind haben die meisten von uns das Wort „müssen“ tausendfach in unterschiedlichen Zusammenhängen gehört. Du musst in die Schule gehen, du musst aufessen, du musst dir die Zähne putzen, … Und sehr häufig haben wir damals innerlich gegen diesen Ausdruck rebelliert. Es ist daher wenig verwunderlich, wenn wir im Erwachsenenalter beim Wort „müssen“ negative Gefühle haben und uns unbewusst gegen solche Vorhaben wehren oder eine Abneigung zeigen. Viel besser ist es zu sagen, ich „darf“ etwas tun. Etwas zu dürfen ist ein Privileg und hat zur Folge, dass wir an die Dinge völlig anders herangehen.

 

#3 man

Wer schon mal den Satz „da sollte man etwas ändern“ gehört hat, weiß genau, wer garantiert nicht derjenige sein wird, der etwas ändert. Nämlich genau jene Person, welche diesen Satz von sich gegeben hat.  Das so häufig verwendete Wörtchen „man“ spaltet uns. Es trennt uns von unseren Gefühlen. Wenn wir von „man“ sprechen, nehmen wir uns aus der Verantwortung und neutralisieren. Ein kleiner Test: Schließe deine Augen und sprich für Dich den Satz „man trinkt guten Rotwein“ und dann nochmal das Ganze mit „ich trinke guten Rotwein“. Bei welchem Satz entstehen emotionale Bilder in deinem Kopf? Viele sprechen gerne auch von der Gesellschaft. Bist du der Gesellschaft denn schon mal begegnet? Oder diesem ominösen „man“? Ich bislang noch nicht. „Man“ sind immer die anderen und wir versuchen uns unbewusst aus der Verantwortung zu schleichen.

 

# versuchen

Ich finde es immer wieder spannend zu beobachten, wenn manche Skifahrer nach einem missglückten ersten Durchgang eines Rennens im Interview sagen, „im 2. Lauf versuche ich es besser zu machen“. In der Regel ist das Endresultat dann nicht wesentlich besser oder gar schlechter. Wer nur „versucht“ lässt sich die Hintertür fürs Scheitern offen. Denn wenn ich nur von „versuchen“ spreche, dann muss ich mich im Falle des Scheiterns vor niemandem rechtfertigen. Die Alternative zum Ausdruck „ich versuche es“ lautet: „Ich mache es!“ Das sind auch die Glaubenssätze der sogenannten „Macher“. Wer glaubt ein Olympiasieger hätte sich jahrelang eingeredet „ich versuche mal eine Goldmedaille zu gewinnen“?  Ich versuche keinen Blog auf meiner Website zu haben, sondern ich mache einen Blog!

 

# könnte, würde, sollte

Wir sprechen in unserer deutschen Sprache liebend gerne im Konjunktiv. Er hat so etwas schönes Unverbindliches und schützt uns davor, nicht als unhöflich dazustehen. „Wir sollten mehr sparen“ ist im Grunde eine Forderung ohne jemanden explizit damit anzusprechen. Weder ich noch die anderen fühlen sich direkt gemeint. Und es heißt auch nicht, dass wir es tun wollen und werden. Wie verbindlich wirkt der Satz „Wir könnten uns morgen am Abend treffen“ im Gegensatz zu „Lass uns doch morgen Abend treffen“?  Die erste Aussage ist jene der Mutlosen, Verzagten und drückt nur eine Möglichkeit aus. Die zweite hingegen eine klare Handlungsaufforderung.

 

Der Bullshit-Buzzer

Und wer jetzt nicht weiß, wie er diese Wörter unterbinden soll, für den habe ich einen kleinen Tipp: Der Bullshit-Buzzer! Besorge Dir über Internet einen Buzzer für 4 Euro und instruiere eine Person oder Personengruppe deiner Wahl darüber, welche Wörter Du nicht mehr sagen möchtest. Jedes Mal wenn Du so einen Ausdruck verwendest, drückt diese Person auf den Buzzer. Dieser nervige Ton erinnert dich immer und immer wieder an Deine Sprache. Übrigens: Das funktioniert auch wunderbar in beruflichen Meetings. Viel Spaß beim Ausprobieren 😉

4 Antworten
  1. Stefan Wagner
    Stefan Wagner says:

    Absolute Zustimmung.
    Wir (und ich schließe mich da nicht aus) kommunizieren heute zum einen sehr unverbindlich, wie du sehr schön darstellst. Ich Stelle aber auch fest, dass wir im Alltag auch immer extremer reden, selbst bei normalen Vorgängen. Da ist dann die Verzögerung im Projekt, „das schlimmste, was passieren konnte“, verursacht durch „ein absolutes Chaos“ und sprachlich eingeleitet mit dem Wunsch nach Beistand von oben, „Oh Gott“.

    Wir beschwören den allmächtigen Gott bei den Fehlern anderer, und bleiben undefiniert im Vakuum unseren eigenen Verpflichtungen gegenüber. Das ist Alltagssprache.

    Tipp: bei schriftlicher Kommunikation, wie E-Mail, zuerst alles in Alltagssprache tippen (man, vielleicht, müsste, sollte) und dann gezielt nach diesen Worten suchen und den Text anpassen (wir, konkret, werden)

    Toller Artikel.

    Antworten

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