FÜHRUNG BRAUCHT EMOTIONALE INTELLIGENZ

Foto: Christian Vorhofer

„Empathie gibt es nicht im Appstore“. Diesen Spruch fand ich kürzlich in den sozialen Medien. Er ist für mich so treffend gerade wenn wir über das Thema Leadership sprechen.

Da gibt es Führungskräfte, die von sich aus behaupten, dass sie selbst über eine hohe emotionale Intelligenz verfügen und selbstverständlich auch einen wertschätzenden Umgang mit ihren Mitarbeiter*innen pflegen. Dazu passend zeigen Studien, dass knapp 90 % der Arbeitnehmer*innen sich mehr Wertschätzung und Anerkennung wünschen. Das zeigt, dass Wahrnehmungen oft ziemlich weit auseinanderliegen können. Eine andere Gruppe wiederum trägt noch immer Glaubenssätze mit sich, wonach erfolgreiche Chefs hart und streng sein müssten. Sie verbinden Empathie mit „nett und weich“ oder „everybodys darling“ sein zu müssen.

Nichts davon hat allerdings mit emotionaler Intelligenz zu tun. Mitfühlende Führungskräfte haben schon lange erkannt, dass genau diese Eigenschaft immer wichtiger wird und im Endeffekt der Turbo für Innovation und Kreativität ist.

In der Literatur gibt es unzählige Definitionen über emotionale Kompetenz und Empathie. Vieles wird vermischt, andere differenzieren wiederum zwischen sozialer und emotionaler Intelligenz. Häufig wird auch der Begriff „soft skills“ verwendet, welcher wiederum oft als eine Art „Weichheit“ interpretiert wird.

Es braucht Mut und einen festen Willen

Es ist im Grunde völlig egal welchen Namen das „Kind“ trägt. Entscheidend ist, ob Führungskräfte den Mut und den Willen dafür aufbringen, sich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen. Als neue Führungskraft war ich vor vielen Jahren selbst in der Situation und legte den Fokus bei meinen Weiterbildungen primär auf die sogenannten „hard facts“. Zu Beginn meiner Selbständigkeit als Trainer, Berater und Speaker begann ich mich intensiv mit Werten, Selbstverantwortung, Selbstbewusstsein etc zu befassen. Erst dann wurde mir richtig bewusst, was mir als Vorgesetzter fehlte und welch großes Potential ich ungenützt ließ. Ich stand zu sehr unter dem Druck des operativen „daily business“ und ich vermute, dass es vielen anderen ebenso ergeht.

Entgegen weitverbreitender Meinungen ist emotionale Intelligenz (EQ) sehr wohl erlernbar und nicht genetisch vorgegeben. Sie nimmt im Laufe des Lebens ständig zu und wir lernen aus unseren Erfahrungen. Verbesserungen sind somit bis ins hohe Alter möglich. Im Gegensatz dazu wird der IQ zum größten Teil vererbt, festigt sich bis zum 17. Lebensjahr und bleibt dann relativ konstant.

Die Vorteile emotionaler Intelligenz (EQ)

Menschen mit hoher emotionaler Intelligenz sind bessere Netzwerker und kommen schnell mit anderen in Kontakt auch wenn man nicht dasselbe Weltbild vertritt. In Konfliktsituationen können sie schneller in die Phase der Lösungsfindung kommen und sind somit deutlich effizienter. Beides zusammen ist die Voraussetzung für gute Teamarbeit die über die eigenen Interessensgebiete hinaus reicht. Emotional intelligente Personen können besser mit Kritik umgehen und sind auch einfühlsamere Feedback-Geber. EQ führt zur mehr Überzeugungskraft, Verhandlungsgeschick und schlussendlich auch zu einem besseren Durchsetzungsvermögen. Einige dieser Vorteile repräsentieren somit vermeintliche „hard skills“. All diese genannten Eigenschaften sind übrigens für Führungskräfte

Was es für emotionale Intelligenz braucht

Es gibt zwei Ebenen die für EQ erforderlich sind und in Wechselwirkung zueinander stehen. Auf der Ebene der persönlichen Kompetenzen geht es darum, wie ich mit mir selbst umgehe. Dazu zählen:

  • Selbstwahrnehmung: Bin ich mir meiner eigenen Werte, Emotionen und Gefühle bewusst? Wie schätze ich mich selbst ein? Wie steht es um mein Selbstvertrauen?
  • Selbstregulierung: Wie sehr kann ich meine Emotionen und Gefühle unter Kontrolle halten, wie vertrauenswürdig und gewissenhaft bin ich? Wie weit kann ich mich bestimmten Situationen anpassen?
  • Motivation: Was treibt mich an? Wie ausgeprägt ist mein Leistungsdrang, mein Engagement? Wie steht es um meinen Optimismus?

Die zweite Ebene ist jene der sozialen Kompetenzen. Es geht darum, wie ich Beziehungen aufbaue und lebe. Dazu zählen:

  • Empathie: Wie sehr bin ich bereit und fähig, die Perspektive zu wechseln und mich in die Gefühlswelt des anderen zu versetzen? Nehme ich andere Standpunkte und Emotionen überhaupt wahr und bin ich bereit, diese zu akzeptieren?
  • Soziale Fähigkeit: Wie sehr bin ich in der Lage mit andern zu kommunizieren, Kooperationen und Kompromisse im Sinne der gemeinsamen Zielerreichung einzugehen?

Bei all den Vorteilen die emotionale Intelligenz und im Besonderen Empathie mitbringen, sollte man auch die Risiken im Auge behalten. Wer dazu neigt, fremde Emotionen auf sich selbst zu übertragen und dadurch seine eigenen Bedürfnisse außer Acht lässt, läuft Gefahr, ausgenützt zu werden. Ein übertriebenes „Helfersyndrom“ kann den Weg ins Burn-out ebnen und damit ist schlussendlich wohl keinem gedient.

Empathischen Handeln und Führen ist grundsätzlich sehr einfach. Stelle dir immer die Frage: „Wie würde sich die Situation des Gegenübers für mich anfühlen“. Dieser simple Perspektivenwechsel kann die Basis für alternative Lösungsansätze sein.

Fazit: Kristallklar führen bedeutet Klarheit zu haben, über seine eigene Persönlichkeit und die Situation des jeweiligen Gegenübers!

Christian Oberleiter, MBA

„Kristallklar führen“